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Aikido als Kampfkunst

von Roland Klimpel

Kurzvortrag beim Aikido-Sommer-Camp in Lindow am 17.7.2025

Aikido als Kampfkunst zu begreifen, bedeutet für mich, man wird sich mit dem Kämpfen ebenso befassen müssen, wie mit dem Begriff der Kunst. Meines Erachtens wird beim Aikido das Kämpfen transformiert. Wie sieht das aus?

Wenn Du die Wahl zwischen Kämpfen und Nicht-Kämpfen hast, ist Deine Kompetenz gewachsen.

Wenn Du nur kämpfen kannst, bist Du gezwungen, nur diesen Weg zu gehen. Wenn Du nur „friedfertig“ im oberflächlichen Sinne sein kannst (immer nett, freundlich und beschwichtigend), dann bist Du gezwungen eben nur diesen Weg zu gehen.

Der Geist des Kämpfens (fighting mind) wird zu einer Art Zwangsverhalten (compulsive act): Wenn Du nur kämpfen kannst, stolperst  Du von einem Konflikt in den nächsten und da sich die anderen ja wehren, eben auch kämpfen, scheint es zum Kämpfen keine Alternative zu geben. Das rechtfertigt dann dauerhaft eine kämpferische Haltung. Diese scheinbare Unvermeidbarkeit des Kämpfens wird zu einer Selbst-erfüllenden-Prophezeiung.

Kannst Du nur friedfertig im Sinne von nett, freundlich, beschwichtigend sein, dann bist Du hilflos in einem Konflikt, der ins Kämpfen eskaliert.Beides zu kennen und zu können, kämpfen und nicht kämpfen, mag Dir helfen, ein besseres Leben zu führen.

Absorbierende Kraft 

Das meint, physisch verstanden, die Neutralisierung eines Widerstandes durch bewusste skelettale Ausrichtung (statisch wie dynamisch, flexible Resilienz). 

Mental verstanden hilft das Konzept Fudoshin („unbewegter Geist“). Dies kann durch Ki-Tests vorbereitet bzw. geschult werden.

Statisches Absorbieren bedeutet im Ki-Aikido nicht (wie in anderen Kampfkünsten) das Absorbieren durch hohe muskuläre Spannung, die durch Bruchtests (Holz an Körper zerbrechen) geschult wird. Dynamisch gesehen: Führen von Ukes Bewegungen durch skelettale Ausrichtung und Antizipation (imaginiere die Ki-Linie) von Ukes Bewegungen.

Zeigt den besseren Weg

Im Sinne von Beschützen und Bewahren

Führen des Geistes und der Bewegung Ukes durch skelettale Ausrichtung. 

Den besseren Weg zeigen, kann durch das Üben von „Nicht-Kollidieren“ erreicht werden. Das erfordert Üben durch die Lernenden und technisches Wissen der Lehrenden.

Das Üben von „Nicht-Kollidieren“ kann und sollte zu einem friedvollen Geist (peaceful mind) führen. Die Entwicklung eines friedvollen Geistes sollte ihrerseits helfen, das „Nicht-Kollidieren“ zu mögen und zu verstehen.

Beides, „Nicht-Kollidieren“ und der friedvolle Geist sind wichtig für die Transformation der lernenden Person. Es ist nicht so, dass das eine die Ursache des anderen ist, sondern es handelt sich um eine wechselseitige Beziehung. Es ist eher so, dass das eine der Weg des Körpers, das andere der Weg des Geistes ist.

Beide Wege sind wichtig, denn die Aufgabe der Lehrenden ist es zumindest zu versuchen die Lernenden zum Transformieren zu führen. 

Häufig Missverstanden: Der friedvolle Geist (peaceful mind)

Ein friedvoller Geist ist nicht immer nett, freundlich und beschwichtigend!!

Einen Lernenden zur Transformation zu führen, heißt nicht nur das gewünschte Resultat zu kennen, zu zeigen und vorauszusetzen, dass die Person das erreicht. Es bedeutet auch, dass die Lehrenden wissen, wie eine Brücke zu schlagen ist, zwischen dem Kämpfen und dem Friedvollen Geist. Dazu ist es gut mehr als eine Übung zu kennen. Eine Möglichkeit kann sein, das Verhalten zu ändern: 

A) Bewege mit „Nicht-Kollision“ in den Techniken. 

B) Zeige den Friedvollen Geist durch Meditation, der auch einen friedvollen Körper macht.

Nicht-Kollidieren in den Techniken setzt voraus, auch im eigenen Körper nicht zu kollidieren!!! Übungen wie „Happy-Body“ in den Hitori Waza und den Transfer dazu in die Kumi Waza wären bereits eine Palette von Übungen. 

Auch kann man Seitai-ho und Sotai-ho im Hinblick darauf praktizieren, Kollision im eigenen Körper zu vermeiden. Ebenso sind Feldenkraislektionen eine gute Möglichkeit, sein eigenes Sensorium zu schärfen.

Verunsicherung

Im Sinne von Offenhalten der Situation und der Beziehung 

Wenn beim Gegenüber Verunsicherung erreicht werden soll, erfordert dies eigene mentale Präsenz. Hilfreich dazu „total-perception“ („nicht-anhaften“ oder defokussieren). Übungen wie „Mind in Space“ sind da hilfreich.

In einer realen Konfliktsituation kann es dazu führen, dass das Gegenüber seine Absichten ändert (change mind).

„Total-perception“ bedeutet auch, nicht durch Gedanken eine Entscheidung zu treffen, sondern die eigene Handlung „geschehen zu lassen“. Das wiederum bedeutet, dass du nicht weißt, was du in der nächsten 10tel Sekunde tun wirst. Das macht es Deinem Gegenüber schwerer dich „zu lesen“. Also zeigst du nicht deine eigene Intention, dies hält die Situation und die Beziehung zum Gegenüber offen. Auch zeige nicht, ob du friedfertig bist, oder gleich kämpfen wirst!! Remember: „Peaceful Mind“ ist nicht immer nett und freundlich!

Das ist schwer und erfordert Training! Unser biologisches Erbe lässt uns schnell aggressiv werden, wenn wir angegriffen werden (oder uns auch nur angegriffen fühlen), zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit. Also müssen wir lernen, diese erste Reaktion zu hemmen. Früher sagten wir „keep one point“ quasi als Befehl zu uns selbst. Es ist auf diese Weise immerhin eine Übungsmöglichkeit. Aber erneut, das bedeutet nicht, dass man nie aggressiv wird, oder nie kämpft.

Aggression und Gewalt sind funktional (nicht moralisch!) betrachtet nur 2 Werkzeuge des Verhaltens. Bevor wir sie benutzen, nehmen wir uns einen Sekundenbruchteil Zeit, um die ganze Werkzeugkiste des Verhaltens anzuschauen, vielleicht gibt’s ja eine Alternative.

Unsere ganze Werkzeugkiste zu kennen, sie auch immer wieder zu ergänzen und auf dem besten, neuesten Stand zu halten, erfordert Zeit und Training!!!

Viktor Frankl soll einmal den schlauen Satz gesagt haben:

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegt unsere Entwicklung und unsere Freiheit“.

Sinngemäße Verkürzung des Frankl-Zitats: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zu verändern.

Die „Kunst des Kämpfens“ oder martial art?

Will man all dies sinnvoll üben und trainieren, so wird man zunächst konstatieren, dass man auf einer Matte mit wohlgesinnten Übungspartnern ist und nicht in einer realen Konfliktsituation. Wir machen also kein Aikido, wir üben es. Das ist nicht dasselbe!!!

Die Situation eines Angriffs mit entsprechender Verteidigung zu spielen, ist m.E. kein wirklich guter Weg. Zu viel bleibt unklar und es entsteht leicht die Illusion, das Spiel als Modell für die Realität zu nehmen.

Macht man hingegen eine Kunst aus dem Kämpfen, wäre das vielleicht eine adäquate Lösung. In der Kunst werden häufig Symbole und Metaphern verwendet, um einen veränderten Blick auf die Realität zu erreichen. Auch kann gute Kunst die Menschen in ihrem Innersten berühren. Dies soll und kann nun allerdings keine erschöpfende Definition von Kunst sein. Aber es zeigt, dass ich Kunst als Erkenntnissystem verstehe.

Im Aikido üben wir häufig standardisierte Formen von Techniken. Ziel ist dabei nicht, diese Formen in einem „Sparring“ auf Wirksamkeit zu testen. Ziel ist es eher, die für diese Form optimale Linie zu finden. Beide Übenden sollen verstehen und vor allem auch empfinden lernen, was die biomechanisch ideale Bewegung z.B. bei Munetsuki Kotegaeshi ist. Wenn der Standard hoch ist, wird diese Linie beim Ausführen von Uke und Nage „erfühlt“ und so aktuell und interaktiv geschaffen. Ist der Standard niedriger, ist es hingegen nur häufig das kooperative Reproduzieren einer Vorbildbewegung, aber immerhin noch besser, als wildes Kollidieren.

Ist der Standard schlecht, dann wird immer wieder die Domäne von der Kunst zum Sparring gewechselt, oft guten Willens und ohne das zu merken.

Anfänger sollten daher häufig (wenn nötig), auf die „Trainingsdisziplin“ hingewiesen werden. Denn die Techniken haben bei unguter Ausführung ein nicht zu unterschätzendes Verletzungspotential. 

Aikido als Kunst

Das aktuelle interaktive Erschaffen einer Aikidotechnik, das gleichzeitige Erfühlen der Ideallinie durch Uke und Nage, macht m.E. den Reiz, die Ästhetik und die tieferliegende Bedeutung des Aikido aus. So können auch unter anderen Umständen gefährliche Bewegungen, wie z.B. Munetsuki Kokyunage Kubikiri „kollisionsfrei“ ausgeführt werden. Dennoch kann sowohl beim Ausführen wie beim Betrachten mehr als eine Ahnung von Schärfe und Gefahr dieser Technik entstehen.

Dieses auf ein Tsuzuki Waza übertragen, erfordert ein hohes Können. Ich finde, es ist es Wert, das zu lernen, zu erforschen und zu trainieren.

Dafür hilft es, uns immer wieder selbstkritisch dabei zu ertappen, wenn wir aus der Domäne Kunst in die Domäne des Kampfes rutschen. Es mag noch so gut gemeint sein, es ist immer noch das Gegenteil von gut!

Appendix:

Einheit von Geist und Körper (hier als Nebenthema)

Begriffe wie Weg des Körpers oder Weg des Geistes führen zu einer Reflektion über die alte philosophische Frage: Sind Geist und Körper eine Einheit? 

Im Kinokenkyukai wurde die Frage traditionell immer mit „ja“ beantwortet. Genauere Betrachtungen ließen aber wieder Unsicherheiten aufkommen: Wenn beides eins ist, wieso muss man dann „Unification of Mind and Body“ üben? Es gab ja spezifisch dafür entwickelte Übungen.

Ich will hier verkürzt zusammenfassen:

Es gibt 3 Möglichkeiten

  • Dualismus: Geist und Körper sind getrennte Einheiten und müssen verbunden werden, wie zwei Räder durch eine Achse verbunden werden, damit sie beide in die gleiche Richtung rollen.
  • Monismus: Geist und Körper sind eine Einheit. So wie eine Münze zwei unterschiedliche Seiten hat, aber eben immer ein und dieselbe Münze ist.
  •  Monismus, der einen kognitiven Dualismus behauptet: Hier trifft die Metapher des Eisbergers, bei dem nur der Teil oberhalb des Wassers zunächst sichtbar ist (wie der Körper). Es gibt aber auch den unterhalb der Wasseroberfläche liegenden Teil (Geist), der zunächst nicht sichtbar ist, aber durch seine Wirkungen erfahrbar werden kann, (sollte ein Schiff damit kollidieren…). Aber beides ist natürlich derselbe Eisberg, der aber eben unterschiedlich wahrgenommen wird (kognitiver Dualismus).

Geist und Körper sind so als eine Einheit begreifbar. Besonders wenn man weiß, dass die menschliche Wahrnehmung nur bestimmte Fenster in die Realität hat, also nie das Ganze wahrnimmt. Dennoch macht es nicht nur Sinn, eine Ganzheit zu unterstellen, es ist gängige Praxis. Man „sieht“ (konstruiert) ein geschorenes Schaf obwohl nur die mir zugewandte Seite des Schafes geschoren ist. Die Fenster der Wahrnehmung sortieren also nach Begriffen wie Geist und Körper. Dies hat auch Wurzeln in den (westeuropäischen) Sprachen. Und Sprachbilder verführen zum Denken in bestimmter Weise.

Es gibt für jede Position Argumente, aber meiner Kenntnis nach existiert kein Beweis, der alle anderen Möglichkeiten ausschließt. Es läuft also auf ein Glaubensbekenntnis hinaus. Ich persönlich bin Monist, der kognitiven Dualismus behauptet.