von Joachim Galow
Vergleich zweier Bewegungskonzepte
Zum Halten und Führen des Jo und Bokken im Aikido lassen sich grob zwei Bewegungskonzepte beobachten. Sie scheinen sich zu ähneln, gehen aber von unterschiedlichen Voraussetzungen aus und haben grundsätzlich verschiedene Resultate. Die Tabelle am Ende des Textes bietet hierzu einen schnellen Überblick.
1. Führen des Jo: Schlagen, Schleudern und Stoßen
Ein Jo wird mit koordinierter Kraft und Schwung als eine Art Stock oder Knüppel eingesetzt. Die Bewegung wird als Schlag oder Stoß geführt. Das zugrundeliegende Konzept ist hier, kontrolliert das Eigengewicht des Jo zu verstärken. Dazu werden Zentrifugalkraft und die Kraft der Arme bzw. das Körpergewicht eingesetzt.
Diese Verwendung des Jo entspricht der Alltagserfahrung, dass durch Krafteinwirkung auf ein Objekt (Kollision oder Beschleunigung) ein Ergebnis erzielt wird: Hammer treibt Nagel, Axt spaltet Holzscheit, Knüppel schlägt Gegner, Arm schleudert Ball etc.
Schlagen, Stoßen und Schleudern sind universell verständlich und abrufbar. Sie müssen – im Gegensatz zum Schneiden – als solche nicht erlernt werden und gehören in ihren groben Formen zur Grundausstattung des Menschen.
Das Führen des Jo im Aikido stellt somit eine Verfeinerung dieser grundlegenden Konzepte dar. Es entstehen dabei differenzierte Formen und Abläufe (Katas), die interaktive Situationen widerspiegeln und intensive Übung erfordern. Grundsätzlich aber ist dieses Bewegungskonzept unmittelbar verständlich, weil es auf angeborene Fähigkeiten zurückgeht.
2. Führen des Bokken: Schneiden
Das Konzept des Schneidens unterscheidet sich grundlegend von dem des Schlagens. Schneiden ist eine koordinative Leistung, die erst erlernt werden muss. Schneiden setzt die Vorstellung einer geistigen Linie voraus, während Schlagen oder Stoßen auf einen physischen Punkt zielt. Diese Unterschiede sind nicht unmittelbar zugänglich und ersichtlich. (Hintergrundinformationen in: K. Yoshigasaki, All of Aikido, S. 419.)
Im Anfangsunterricht, aber auch bei fortgeschrittenen Aikidoka ist manchmal zu beobachten, dass das Bewegungskonzept des Jo irrtümlicherweise auch auf das Führen des Bokken angewendet wird. Das Bokken ist aber kein Knüppel, sondern ein langes Messer, mit dem nicht geschlagen, sondern geschnitten wird.
Die schneidenden Bewegungen werden in gedachten Linien und ohne Einsatz von zusätzlicher Kraft ausgeführt. Dazu müssen sich, technisch gesehen, Körper und Arme optimal entspannt mit dem Bokken zusammen bewegen. Nicht das Bokken folgt meiner Willensanstrengung, sondern mein Körper folgt dem Bokken, das einer geistigen Linie folgt. Körper, Geist und Bokken harmonieren und werden als Einheit verstanden.
Handhaltung
Das Bokken wird so gehalten, dass seine Schneide die Außenlinien der Hände und Arme (Ellenseiten) verlängert. Das Bokken liegt auf den Kleinfingerballen und wird primär von Ring- und kleinem Finger gehalten („Außenhand“). Daumen, Zeige- und Mittelfinger („Innenhand“) umschließen das Bokken und haben primär die Aufgabe, entlang der gedachten Linien zu führen und mit dem Bokken zu kommunizieren. Dies ist im Prinzip bei allen Bewegungen mit dem Bokken der Fall. Bei seitlichen Schnitten verlängert das Bokken die Außenseite eines Arms, bei Schnitten von oben die Außenlinien beider Arme.
Die Handgelenke sind nicht gestreckt oder gebeugt, sondern gerade. Die Hände umklammern nicht das Bokken, sondern „kleben“ an ihm, als ob es magnetisch wäre. (Siehe hierzu K. Yoshigasaki, All of Aikido. „Ikkyu Undo“, S. 44 und zur Handhaltung am Bokken u.a. die Illustrationen auf S. 430 sowie die Übung magnet).
Beispiel: Shomenuchi als Schnitt
Aus der Grundstellung (Chudan) gehen die Arme so weit nach oben, dass kein Zug nach hinten entsteht (Jodan). Dabei öffnen sich Arme und Brustkorb (Atem strömt ein).
Die äußere Form verleitet hier u.U. zum Verwechseln der Bewegung mit einem Ausholen horizontal nach hinten zum anschließenden Schleudern nach vorn. Die Bewegungsrichtung der Hände ist jedoch vertikal nach oben. Subjektiv entsteht das Gefühl, dass die Bokkenspitze jetzt vertikal über dem Kopf steht, denn die Hände folgen einer vertikalen Linie. Objektiv zeigt die Bokkenspitze leicht nach hinten, was nur scheinbar dem Konzept des Schleuderns entspricht.
Der Schnitt erfolgt, indem der Brustkorb mit den Armen schließt (Atem strömt aus) und die Außenlinien der Hände und die Körperrückseite dem fallenden Bokken vertikal nach unten folgen. Dadurch entsteht eine Bogenlinie des Bokken, auf der es schneidet.
Mit anderen Worten: Bewegen sich die Hände vertikal nach unten, beschreibt die Spitze des Bokken eine Kurve und es entsteht ein Schnitt. Beschreiben die Hände mit dem Bokken jedoch eine Kurve, ziele ich mit dem Bokken auf einen Punkt und es entsteht ein Schlag.
Auch hier kann die Bewegung als Schleudern missverstanden werden, denn das fallende Bokken schnellt beim Schnitt nach vorn. Dies erfolgt aber nicht bewusst mit Kraft (Schleudern, Werfen), sondern geschieht unwillkürlich als Resultat der vertikalen Bewegung der Hände (Fallen).
Am Ende des Schnitts landet das Bokken in den „Außenhänden“. Das Gewicht des Bokken wird durch den reflexartigen Impuls des Kleinfingerballens mit den Fingern 4 und 5 neutralisiert, wobei eine kaum wahrnehmbare Schnittbewegung nach vorn entsteht. Auf diese Weise hält das Bokken ohne Ruck ruhig an, ohne bewusst gebremst zu werden.
Die Bewegung des Bokken geht nach unten. Deshalb kann sie mit Hauen oder Hacken verwechselt und von Übenden entsprechend imitiert werden. Sie ist aber ein Fallen des Bokken ohne zusätzliche Kraft.
Das Konzept gilt für die anderen Bewegungen des Bokken entsprechend. Stets wird es schneidend geführt. So ist auch Tsuki mit dem Bokken kein Stoß, sondern ein Schnitt nach vorn, und Yokomenuchi kein Schlag zur Seite, sondern ein seitliches Schneiden.
Das Bewegungskonzept des Schneidens unterscheidet sich damit fundamental von dem des Schlagens oder Stoßens. Im Ki-Aikido wird angestrebt, das Bokken schneidend zu führen.

Quellennachweis: Kenjiro Yoshigasaki, All of Aikido. Englische Ausgabe. Werner Kristkeitz Verlag, Heidelberg 2015